David ist mein jugendlicher Patient, den ich vor einigen Monaten vorgestellt habe. Er kommt aus einem kleinen Bergdorf weit weg und leidet an einer chronischen Nierenerkrankung. Weil eine regelmäßige Betreuung notwendig ist und er seine Mutter vor einem Jahr verloren und quasi keine Familie hier in Peru mehr hat, wohnt er nun hier in Curahuasi bei einer australischen Missionarin aus unserem Krankenhaus, die ihn mit all ihrer Kraft und Liebe neben ihren anderen 6 Jungen, die sie adoptiert hat, umsorgt. Mitte April kam er ins Krankenhaus, weil sich sein Zustand im Rahmen einer Lungenentzündung dramatisch verschlechtert hatte. Seine Nieren funktionierten nicht mehr, er hatte sehr viel Wasser eingelagert und war sehr schwach. Nach dem Versuch, ihn zu stabilisieren, war schnell klar: David braucht eine Dialyse-Therapie, die aus verschiedenen Gründen, nicht hier bei uns durchgeführt werden kann. Wir beschlossen also, ihn nach Cusco zu bringen und im Rahmen des einzigen Krankenhauses für ca. 2 Millionen Menschen, welches die Möglichkeit zur Hämodialyse hat, vorzustellen und eine Behandlung zu erbeten. Um ihn hier kostenarm behandeln zu lassen, brauchte er eine „Überweisung“ unseres hiesigen Gesundheitspostens. Dieser wurde aber von dem entsprechenden Verantwortlichen verweigert, mit der Begründung, dass wir uns ja bisher um ihn gekümmert hätten, dann könnten wir auch die Kosten übernehmen, er kenne den Patienten nicht, also interessiere er ihn auch nicht! Eine harte Realität!!! So haben sich David´s Pflegemama und wir uns erst einmal entschieden, dafür zu sorgen, dass er behandelt wird. In Cusco angekommen interessierte sich auch unser „Ansprechpartner“ nicht für uns und verwies uns an einen Kollegen, was uns erst einmal ebenso geschockt hat, aber im Nachhinein als supergute Führung Gottes zu sehen ist. Dr. Rios ist ein sehr freundlicher, gut ausgebildeter und herzlicher Nephrologe, der sich für David interessiert und eine Zusammenarbeit sucht. Das Krankenhaus in Cusco ist auch für mich eine spezielle Erfahrung gewesen: Zum einen gibt es jede Menge Abteilungen wie Kinderklinik inkl. Versorgung für Frühgeborenen (ab der 32. Schwangerschaftswoche) und krebskranke Kinder, alle gängigen Erwachsenenabteilungen, plastische Chirurgie, HNO-Klinik, Reproduktionsmedizin und eben eine Abteilung für Hämodialyse. Leider sind viele nicht besetzt. Das Krankenhaus sieht äußerst verfallen aus und die Stationen sind beeindruckend: Jede Station besteht aus einem einzigen großen Raum, mehr einer Halle, in der ca. 25 Betten stehen, es gibt keine Trennwände, keine Privatsphäre, nachts ist es bitterkalt, weil die hohen Fenster oft kaputt sind, an Schlaf ist kaum zu denken, weil immer eine Person neu kommt, Schmerzen hat, schnarcht oder aufgrund ihrer Krankheit nicht zur Ruhe kommt.
Tags gibt es für alle Patienten eine Krankenschwester und eine Helferin. Für die meisten Patienten ist dies jedoch eine Normalität. Als wir mit David kamen und er sich kaum auf den Beinen halten konnte, wurde ihm noch nicht einmal ein Stuhl angeboten, nach einiger Zeit durfte er sich endlich in ein Bett legen. Es hieß am nächsten Tag würde er seinen Katheter für die Dialyse bekommen, am nächsten Tag passierte jedoch gar nichts, seine Medikamente wurden nur zum Teil verabreicht. Apropos Medikamente: Auf diesen Stationen gibt es keine Medikamente, jeden Morgen um 11Uhr müssen die Patienten sich ein Rezept bei dem behandelnden Arzt abholen und in der nahegelegenen Apotheke kaufen, sind sie bettlägerig und haben keine Angehörigen oder verpassen den Kontakt mit dem Arzt, gibt es an diesem Tag keine Behandlung. Nachdem David also an diesem Tag für die Dialyse nicht vorbereitet wurde, hofften wir auf den nächsten Tag, doch an diesem wurde das Krankenhaus bestreikt, keine Schwestern, keine Ärzte, keine Behandlung und kein Aufschrei der Patienten. Freitags dann wurde endlich der Katheter gelegt, aber danach hieß es, dass vor Montag keine Behandlung stattfinden würde. David war zu diesem Zeitpunkt schon sehr geschwächt. Samstags dann hat David´s Pflegemama zufällig erfahren, dass eine Patientin nicht gekommen ist und sich dafür eingesetzt, dass er endlich seineDialyse- Behandlung bekommt… und, Gott sei Dank, er wurde dialysiert und es ging ihm seither viel besser. Mittlerweile bekommt er 3x pro Woche seine Hämodialysebehandlung und verträgt sie gut und kann wieder ganz gut am Leben teilnehmen. An jenen Tagen fahren Lyndal oder Freunde von ihr morgens um 5Uhr nach Cusco, Dialyse findet dann von 8-12Uhr statt, danach geht es wieder zurück und um 16Uhr ist er wieder zu Hause. David macht das alles mit und ist sehr zufrieden, dankbar und froh: Es geht ihm besser und er hat eine Familie, die ihm Zuneigung und Aufmerksamkeit schenkt. Alles wär nicht möglich ohne seine liebe Pflegemutter Lyndall, eine australische Ultraschallspezialistin, die ihn umsorgt wie ihr eigenes Kind, und derzeit versucht, die Behandlungskosten von 200Euro in der Woche über ihre Spender zu decken. Vielleicht findet sich noch ein Unterstützerkreis in Deutschland?
Dieses Erlebnis war und ist für mich sehr beeindruckend und ich merke, dass das Krankenhaus hier in Curahuasi für unsere Patienten so wichtig ist, weil sie sich hier wie in einer anderen Welt vorkommen, was vor allem die persönliche Ebene anbetrifft. Auf der anderen Seite bin ich erstaunt, wie funktionsfähig das peruanische Gesundheitssystem sein könnte.
Bei allem bin ich einfach nur dankbar, wieder einmal zu sehen, wie gut es uns in Deutschland geht, ohne, dass wir es verdient hätten.














